Europa

ITALIENISCHER WEIN

Da die Berge meinen, Neuschnee sei überbewertet, denken wir „Nun gut, fahren wir halt Klettern.“ Wir checken uns für die Woche im Piemont, in Cargiago am Lago Maggiore ein.

Die Tage zuvor wollen wir dem Ponte Brolla Klettergebiet auf der Schweizerseite des Lago einen Besuch abstatten. Eine Übernachtungsapp verrät uns einen super schönen Standort am Monte Veritas nahe des Klettergebietes.

Den Platz genießen wir gleich den kompletten ersten Tag in der Sonne sitzend, das Auto trocknend. Am Abend zuvor ergoss sich ein Liter Rotwein im Kofferraum. Das war nicht schön. Nein, nein. Alles raus, abwischen, wegwerfen, Bett wieder rein für die Nacht, Bett tagsüber raus und Kofferraumeinlage hochklappen. Warten, warten, warten. Immer noch nass. Weiterputzen.

Egal, die nächsten Tage haben wir den Geruch ignoriert und sind Klettern gegangen. Sehr schönes Gebiet, das Ponte Brolla. Nach circa einem Jahr Kletterpause war es für uns super, um wieder reinzukommen. Am zweiten Tag erleben wir die schweizerische Qualität in Sachen Naturarbeit. Direkt hinter uns flog ein Helikopter abgestorbene Baumstämme ins Tal, so fünftausend Mal. Rauf-runter-rauf-runter, jedoch nur 50 Höhenmeter. Der Wahnsinn. Nun bin ich kein Baumgestalter oder Höhenarbeiter. Alternativ wäre ein Zersägen der Bäume und Abtransportieren per motorisiertem Gefährt bestimmt drin gewesen. „Reiches Land“, meinte Christian, ein Kletterkompagnon dieser Tage, der vor vielen Jahren in die Schweiz gezogen ist. Hat er wohl Recht.

Pünktlich zum Arbeitsbeginn am Dienstag Morgen checken wir am Montag Abend am westlichen Ufer in Cargiago ein. Das tut auch dem Auto gut – möchte es noch ein paar Tage in der Sonne stehen und trocknen; 200 Milliliter Rotwein sind bestimmt schon verdunstet 🙂

Wir wohnen ‚contemporary‘. Soll heißen unser Appartement ist in Weiß designed. Von der Küche bis zum Bad, alles weiß. Ich habe das Gefühl am Glastisch auf weißen Sesseln thronend gleich viel mehr mit Rücken-gerade zu sitzen, der Raum beeinflusst mich. Es gibt Rotwein – Maik gibt ihm eine zweite Chance.

Mit Blick auf den Lago Maggiore stehe ich gerne in der Küche – eine Seltenheit, ich weiss. Dienstag bis Donnerstag arbeitet Maik und ich kümmere ich mich ums Frühstück, eine neue Herausforderung, die so ab elf Uhr stattfindet. Vorher essen fällt mir schwer und wenn ich‘s schon selber machen muss, dann wenigstens nach meiner inneren Uhr. Bis dahin konnte sich Maik dann schon drei bis vier mal arbeitstechnisch aufregen und seinen Blutdruck hochfahren. Hat also jeder was davon.

Der Lago überwältigt mich – ich mach was ganz Verrücktes: Ich jogge. Runter zum See, rauf zum Studio. Leider haben die Italiener den Wunsch einen See komplett mit einer Schnellstraße zu ummanteln, so dass der Zugang zum Wasser auf zwei bis drei Verkehrsknotenpunkte reduziert wird. Das ist uns schon am Comer See vor drei Jahren aufgefallen. Außer in der Stadt am Hafen oder einer Promenade ist kein Herankommen. Das wäre ja noch schöner, wenn hier jeder käme!

Ich laufe also die ganze Zeit in der grünsten Natur mit Palmen (!) auf Asphalt. Nun ja, manch einer würde sagen ich hechle auf Asphalt, aber im Grundsätzlichen ist es wirklich traurig.

Hinauf laufen bedeutet s t e i l, sehr steil. Irgendwie ist hier alles am Berg gewachsen. Das macht mich beim Joggen fertig. Einmaliger Versuch, wird wohl nicht wiederholt.

Von Weitem sieht der See super schön aus. Wir wandern nach Intra, essen Eis, fotografieren Kletterführer ab und lassen Italien auf uns wirken. Dann reicht es aber auch und am Ende der Woche geht es wieder zum Klettern im dankbaren Granit nach Montorfano, eine Empfehlung unseres Gastgebers Giovanni.

Klettern in Italien ist, als würde dir jemand eine weiche Kuscheldecke um die Schultern legen. Super Absicherungen, rutschfester Granit und eine atemberaubende Aussicht. Bisher hatten wir immer Glück gehabt. Nun, so schön es auch ist, möchte man immer das, was gerade nicht da ist. Bei uns ist es: Skifahren! Dafür haben wir uns mit Claudi am Simplon Pass verabredet – the Show must go on!

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