Europa

ENDLICH DARF ICH ‚BITSCH‘ SAGEN

Über das Wochenende treffen wir uns mit Claudi im Wallis. Gleich morgens verabreden wir uns auf dem Simplon Pass und wollen dem Spitzhörnli per Ski einen Besuch abstatten. Das haben wir tatsächlich auch geschafft. Die Tour nach oben war mit schönen Aussichten verbunden und die Route an sich hatte einige Höhepunkte eingebaut.

Doch oben angekommen, wollte sich niemand von uns ins Gipfelbuch eintragen oder eine Pause einlegen. Der Wind sagte ständig: runter! Es war mit Abstand unsere schlechteste Abfahrt, die wir bisher erleben durften! Die Knie schrien ‚Autsch‘, die Oberschenkel ratterten vom Gipfel bis zum Bergfuß, der Wahnsinn. Nur unebene Eisflächen gepaart mit Triebschneeflächen, die wir nicht wirklich vorher sehen konnten. Es war das erste Mal, dass ich mir heimlich Schneeschuhe herbeigesehnt habe! Tee gab es erst am Bergfuss im Windschatten einer Hütte.

Wir lernen daraus und gehen tags darauf im Skigebiet Rothwald hoch hinauf, so dass wir zumindest die Abfahrten auf der Piste angenehmer gestalten können. Am Nachmittag stieß Peter zu unserem kleinen Trupp hinzu.

Die Abende verbrachten wir in der urigen Hütte von Annas Freund Josi unterhalb vom Pass. Der Höhepunkt: Hirschkalbsteaks am Abend für drei Vegetarier! Josi ist Wildhüter und kümmert sich vom Fisch bis zum Hirsch um alle Tiere im Simplongebiet. Flora und Fauna auf einer 28.000 Hektar großen Fläche liegen in seiner Obhut. Wir haben spannenden Geschichten aus den Bergen gelauscht und interessante Dinge über die Almwirtschaft in der Schweiz von Anna und Josi gelernt.

Das Wetter gestaltete sich in den nächsten Tagen nicht so angenehm wie die Abende: Regen. Damit überhaupt etwas passiert, sind wir in Brig Klettern gegangen, ehe der Regen einhielt. Dann rief uns eigentlich nur noch die Sauna mit ihrer wohligen Wärme. Wenn nix mehr geht, ist Saunazeit.

Unsere Arbeitstage standen auf dem Wochenplan und wir haben eine Ferienwohnung auf dem Berg in Bitsch gleich neben Brig gemietet. Eigentlich haben wir uns dort eingebucht, weil ich gerne mal in einem Ort namens B I T S C H wohnen wollte. Endlich mal Begriffe laut aussprechen dürfen, die sonst nicht so in den eigenen Sprachjargon fallen, ist wirklich etwas Feines 🙂

Bitsch ist super! Wir wohnen das zweite Mal bei Gastgebern, die ihre Aufmerksamkeit auf regionale und Bioprodukte legen. Bei Monica und Marco konnten wir den Hühnern beim Eierlegen zusehen. Rocco, der Knuddelhund und die Katze ohne Namen kamen regelmäßig vorbeigeschlendert, schenkten uns Mäuse und hofften von uns im Austausch etwas zu erhaschen. Ein Geben und Nehmen auf allen Seiten. Quiche, selbstgemachte Marmelade und Tees – wir wurden reichlich beschenkt. Sogar mit leckerem Schokokuchen von Viola und ihrem Freund, die mit Share a Cake Kuchen mit flüssigem Kern zubereiten. Den haben wir auf dem Berg genießen können.

Die Pausentage tun mir gut, ich habe entzündete Knie, wahrscheinlich von den schroffen Abfahrten. Anna kam uns in Bitsch besuchen. Mit ihrer Hündin Annouk sind wir in den Bergen wandern gewesen. Erst mit dem (Jagd)hund wurde mir bewusst, wie viele tote Tiere um mich herum im Wald und auf dem Berg liegen – Annouk hat sie alle gefunden.

An den Berghütten hängen erstaunlich viele Gebetswimpelketten und sogar eine Regenbogenfahne wurde am letzten Hüttli gehisst! Jemand auf der Reise sagte uns, das Wallis sei das Tibet Europas. Ich weiß nicht, ob Gebetsfahnen nur eine Modeerscheinung sind, oder diese mit einem tieferen Sinn hier und da aufgehangen werden, aber die im Wind wehende Regenbogenfahne fand ich ‚total lässig‘. Leider wohnen die Eigentümer nicht auf dem Berg, sie kommen nur für zwei bis drei Wochen im Jahr aus der großen Stadt nach Bitsch. Wohnen in der Region mit einem nicht-konformen Lebensstil sei wohl noch immer nicht möglich. Viele junge Leuten ziehen nach Bern, zumindest verlagern sie ihren Arbeitsmittelpunkt in die Großstadt. Wahnsinn, wie sich manche Dinge nie ändern, egal wo man sich auf der Welt befindet.

Schreibe eine Antwort