Kanada

OH KANADA!

Nach einer weiteren Flugzeugspeisung steigen wir pappsatt und mittelmäßig müde aus dem Flugzeug und betreten nordamerikanisches Festland. Hier in Toronto ist es gerade einmal 18 Uhr, nach heimischer Zeit also Mitternacht. Wir irren noch etwas am Flughafen umher und passieren an die fünf Sicherheits- und Einreisekontrollen. Alle samt übrigens reichlich unspektakulär und fern von jenen Horrorgeschichten die man hier und da über die Einreise ins benachbarte Land erfährt.

Eine Bus- und U-Bahn-Stunde später, finden wir uns schließlich in Toronto Downtown wieder. In der U-Bahnstation schmettert ein großgewachsener Langbärtiger Johnny Cash und andere Klassiker auf der Westerngittarre. Da ich an Straßenmusikern schlecht vorbei laufen kann, verweilen wir ein paar Minuten. Wir haben noch keine kanadischen Dollar parat, also versenke ich 1–2 Euro in seinem Hut, die er hoffentlich irgendwo loswerden kann. Anschließend nehmen wir die letzten Meter in unsere Unterkunft.

Zum Jetlag loswerden und Stadterkunden haben wir uns halbwegs zentral in ein Airbnb-Zimmer eingemietet. Auf der Suche nach Unterkünften für den schmalen Taler, stößt man im Raum Toronto immer wieder auf schreckliche Rezensionen. Wir haben jedoch großes Glück und werden von unserem Host Arlene und Hund Jacky sehr herzlich in Empfang genommen. Nach dem Abendessen und ein paar Tees später, fallen wir endlich ins Bett.

Die nächsten zwei Tage verbringen wir damit, Toronto zu erkunden. Wie den meisten Lesern nicht ganz unbekannt sein sollte, gehört die Erkundung von Städten nicht gerade zu meinen liebsten Beschäftigungen. Allerdings ist Toronto definitiv noch einmal eine Nummer für sich. Einerseits absolutes Großstadtfeeling mit Wolkenkratzern, Skyline und sämtlichen kommerziellen Facetten, die man sich im amerikanischen Kontext irgendwie ausdenken könnte. Andererseits trifft man auf eine kulturelle Vielfalt die ihres Gleichen sucht. Griechische, indische, chinesische, japanische, italienische, portugisische und vermutlich noch viele andere Stadtviertel die ineinander übergehen und ein kunterbuntes Treiben und internationales Flair ergeben. Ständig wird man angesprochen, ob einem nicht irgendwie zu helfen sei und die Leute sind sehr weltoffen und kommunikativ.

Wir gehen es ruhig an und frühstücken erst einmal lang am Kensington Market, der den Mittelpunkt des linksalternativen Viertels  darstellt. Überall sitzen Leute auf der Straße und an vielen Ecken gibt es Live-Musik von Straßenmusikern. Es gibt für deutsche Verhältnisse preiswertes Essen und teures Bier zu verkosten. Preise sind in Kanada scheinbar eher Richtwerte. Manchmal kommen noch Provinz- oder Landessteuern oben drauf. Oder keine wie bei Grundnahrungsmitteln. Mit abgezähltem Geld sollte man nicht Einkaufen gehen, zumal überall nur Nettopreise angeschrieben sind und auch die Kanadier selbst nicht immer wissen, wann sie welche Steuer zu zahlen haben.

Ich esse in Toronto auch meinen ersten echten amerikanischen Hotdog und muss gestehen, dass ich ihn gar nicht schlecht finde. Das vegetarische Angebot ist hier sehr viel größer als bei uns daheim. Nicht nur in den Supermärkten findet man tonnenweise ‚Fleischersatzprodukte‘, die oftmals sehr viel leckerer sind als bei uns, sondern eben auch in Würstchen- und Junkfoodbuden.

Neben dem ganzen Trubel in der Stadt besuchen wir unter anderem noch die Toronto Islands. Eine Inselgruppe die sich direkt gegenüber der Innenstadt befindet und sich irrwitzigerweise bei einem sehr schweren Sturm vor nicht all zu langer Zeit von der restlichen Stadt gelöst hat. Der Besuch dieser Inseln ist sehr lohnenswert. Nicht nur wegen des berühmten Blicks auf die Skyline, sondern vor allem wegen der dort belassenen Natur und dem freien Blick auf den Lake Ontario. Man kann gemütlich einen ganzen Tag dort verbringen und überall sind Plätze zum Grillen und Chillen.

Im Anschluss an unsere Zeit in Toronto, fahren wir mit den Öffentlichen an die ca. 100 km entfernte amerikanische Grenze zu den Niagra Fällen. Lange haben wir überlegt, ob wir dieses Wagnis eingehen sollten. Zu groß die Angst vor touristischem Wahnsinn. Und in dieser Hinsicht wird man auf keinen Fall enttäuscht. So schön die Natur dort ist, so schrecklich ist der Rest. Das Gebiet ist vollgestopft mit Casinos und anderen Läden, die sonst niemand braucht. Wir halten uns fern und verbringen den Tag an den Wasserfällen. An den Ufern des Flusses sind recht hübsche Parks angelegt und so lässt es sich ganz gut aushalten.

Es ist unfassbar welche Wassermassen dort hinabstürzen. Völliger Wahnsinn, dass es manche Leute in Erwägung gezogen haben, dort mit dem Boot oder ähnlichem herunter zu fahren, oder es tatsächlich getan haben. Allein das vorherrschende Wildwasser über den Fällen ist extrem beängstigend. Alles in allem ein beeindruckendes Naturspektakel, das wir im Nachgang nur ungern vermisst hätten.

Die kommende Woche verabschieden wir uns aus der Provinz Ontario und reisen in den Osten des Landes, ins französischsprachige Québec. Jana hat dort in Montréal vor mehr als 20 Jahren ein Auslandsjahr verbracht. Demnach hagelt es Einladungen zu alten Freunden und Bekannten. Zunächst sind wir zu Besuch bei Freundin Emilie und ihrem Mann Jean-Maxime und erkunden Montréal.

Für Jana ist es zunächst enttäuschend, weil sie die alten Plätze nicht wiederfindet und sich die Stadt stark verändert hat. Andererseits ist Montréal extrem vielfältig und nicht so gestresst wie Toronto. Viel weniger Verkehr auf den Straßen und eine Menge Parks und Wälder laden neben dem stadteigenen Mont Royal zum Verbleiben ein. Das kulturelle Angebot ist erschlagend und im Sommer finden wohl neben den sowieso überall präsenten Bands und Musikern zahlreiche Festivals statt. Es gibt durchaus viele Parallelen, die sich hier zu unserer Heimat Leipzig ziehen lassen. Nicht zuletzt die Spätikultur. An jeder Straßenecke findet man kleine spätiartige Läden und Cafes.

Das mit dem Gepäck läuft bisher auch nach Plan – nach Tag vier hat Jana ihren Pullover im Hotel und zwei Tage später unsere Zahnbürsten bei Freunden liegen lassen. Ist für sie aber nicht so schlimm, sie trägt seitdem meinen und neue Zahnbürsten gibt es auch in Kanada. 

Wir ziehen nach ein paar Tagen weiter in den Nordwesten Montréals. Uns erwartet dort eine Einladung zum Lagerfeuer und großem Wiedersehenstreffen des alten Freundeskreises aus Janas Schulzeit. Die Freude ist groß. Das Bier fließt und die Verständigungsprobleme sind damit bald kein Problem mehr. Mein Französisch ist etwas eingerostet und der quebec’sche Dialekt wohl ein bisschen das Sächsisch der französischen Sprache und damit teilweise gar nicht mehr als jene zu erkennen. Zum Glück sprechen die meisten, häufig jedoch die Bereisten und älteren Menschen, ganz gutes Englisch. Wir schlafen auf der Coach und kommen tagsdarauf sogar das erste Mal in den Genuss, im Zelt schlafen zu können. Morgens gibt es von der Hausherrin persönlich zubereitete Pancakes, natürlich mit Ahornsirup, der hier in allen Dörfern hergestellt wird.

Nach einiger Planung und dem ständigen Blick auf den Wetterbericht, entschließen wir uns schließlich dazu, in den Nordosten zu reisen. Hier im Osten Kanadas gibt es neben Elchen und anderem Getier durchaus auch schon Bären. Allerdings bekommt die hier kaum jemand zu Gesicht, da der hier ansässige Braun- und Schwarzbär zur schüchternen und ängstlichen Sorte zählt. Sicherheitshalber bewaffnen wir uns mit Bärenspray, dass es hier gegen Vorzeigen des Ausweises in jedem Outdoorladen zu kaufen gibt. Nach Aussagen der Locals, ist dass hier aber noch nicht wirklich notwendig. Kritisch soll das erst im Westen Kanadas werden. In British Columbia, wo der Grizzly wohnt. Der Umgang oder eben ‚Nichtumgang‘ mit diesen Zeitgenossen bleibt definitiv noch zu erörtern.

Zunächst also trampen wir ca. 300 km immer dem St.-Lorenz-Strom folgend in die Provinzhauptstadt Québec. Schöne Altstadt, hübsch anzusehen und mit einem beeindruckenden Blick hinab auf den Fluss, der hier allmählich beginnt, immer breiter zu werden.

Ansonsten ist in Québec nicht sehr viel los und unsere Entdeckerlust hinsichtlich Städte ist fürs Erste gestillt. Also geht es weiter. Nordwestlich von Québec gibt es abermals einen riesigen Wasserfall, den Chute-Montmorency, zu bestaunen, der Richtung St.-Lorenz-Strom hinabstürzt.

Wasser gibt es hier in Kanada wirklich zur Genüge. Wir schlafen auf der Ile d’Orléans, einer Insel vor Québec, auf die uns unsere letzte Trampgelegenheit mitnimmt. Ihr Lieblingsplatz direkt neben ihrem Haus mit ‚Zelten verboten‘-Schildern, die aber niemanden zu interessieren scheinen, entpuppt sich als herrlicher Schlafplatz direkt am Ufer des St.-Lorenz-Stroms.

Trampen ist generell seit Québec wirklich einfach geworden. Über die letzten 2–3 Tage haben wir nicht einmal den Daumen rausgehalten. Oftmals sitzen wir kaffeetrinkend an Tankstellen oder Bistros und es vergehen keine zehn Minuten bis irgendjemand anhält oder uns direkt anspricht. Québecer lieben Backpacker und jeder besteht darauf, die besten Tipps für unsere Reise in den Norden beizusteuern. Wir haben mitlerweile einen dreiseitigen Reiseplan inklusive Serviettenzeichnung, den es abzuarbeiten gilt.

In Charlevoix machen wir halt. Ein riesiges Gebiet ähnlich unserer Mittelgebirge. Nur mit massenhaft Schnee im Winter und etlichen Möglichkeiten für diverse Outdooraktivitäten zu jeder Jahreszeit.

Schnee finden wir in dieser Region vor allem auf Wanderungen in den oberen Gefilden noch reichlich. Die Nächte könnten wärmer sein und unter freiem Himmel lässt es sich noch nicht schlafen. Wir ziehen das Zelt vor, zumal es jetzt im Mai immer wieder stärkere Regenfälle gibt und die Temperaturen bis auf 5°C in der Nacht herabfallen.

Wir treffen einen alten Bekannten von Jana, Jean-Philippe, kurz J-P. Er hat hier mit dem Freundeskreis ein riesiges Grundstück gekauft. Wir haben es versucht abzulaufen, sind aber nach ca. 3 Kilometern umgekehrt. Der Wald ist dermaßen dicht, dass man nach wenigen hundert Metern kaum glaubt, dass ein paar Kilometer weiter die Zivilisation vorhanden ist. J-P bringt das Gelände mit vielen Freunden zusammen wieder in Schuss. Sie vermieten bereits eine Hütte per Airbnb, planen aber ebenso eine Unterkunft für Woofer und sportlich Aktive. Während unserer Zeit hier, tagt gerade der kanadische Bergsportverein gemütlich in der Hütte. Da J-P leidenschaftlicher Bergmensch und Radsportler ist, plant er unter anderem ein paar Mountainbike-Trails einzurichten und das Gebiet ski- und klettermäßig besser zu erschließen.

Er überlässt uns für ein paar Tage eine Hütte auf seinem Gelände und wir sind endlich dort angekommen, wo es uns hingezogen hat. Draußen. Es gibt keinen Strom und kein fließendes Wasser. Dafür jede Menge Holz zum Feuern. Wir haben auch einen Wasserfilter und ein kleines Solarpanel mitgebracht und kommen damit bislang gut hin.

Die kommenden Tage wollen wir mit J-P und anderen im nahegelegenen Nationalpark wandern gehen. Außerdem gibt es weiter im Norden noch Fjorde und Wale zu sehen. Es sollte fürs erste also nicht all zu langweilig werden.

Grüße in die Heimat!

  1. Degu

    Sehr spannend und „mitreisend“ geschrieben. Viele Grüße Matthias D.

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