Kanada

CHARLEVOIX & CȎTE-NORD

Zum Glück ist das Wetter im Norden Québecs dieses Jahr im Mai zehn Grad unterm Durchschnitt. Sonne kann schließlich jeder. Regen ist dagegen nur etwas für Fans und Leute mit dichten Zelten. Der Running Gag in der Region Charlevoix lautet: Wie heisst der schönste Tag in Québec? Die Antwort: Sommer! 

So richtig kalt-kalt ist es jedoch gar nicht mehr und Schnee direkt neben dem Zelt haben wir seit einer Woche nicht mehr gesehen. Nur manch klare Nacht ruft mich sehr schnell in den Schlafsack. Tagsüber ist es jetzt schon recht warm, wenn nicht, zieh ich einfach Maiks Pullover an. 

Was haben wir bisher gelernt:

ROSTKARREN

Es gibt keinen TÜV oder ähnliches in Kanada. Deshalb kann alles auf den Straßen rollen, das nicht sofort stehen bleibt. Nach Kamerun, Indien und Nepal meinte ich schon vieles auf vier Rädern gesehen zu haben, aber Kanada kann auch überzeugen. Hier fährt, was keinen Boden hat oder an beiden Seiten komplett verrostet ist munter auf der Landstraße oder wird gar ein weiteres Mal an vielleicht den achten Besitzer verkauft. Das ist neu und doch irgendwie sympathisch.

TRAMPEN

Damit sind wir auch schon beim nächsten Thema. Beim Trampen erleben wir die tollsten Überraschungen. Vom gediegenen Luxus-Pickup bis zum getunten Volkswagen ist schon ziemlich viel dabei gewesen. Auch von den Persönlichkeiten der Fahrer her war es bisher bunt: die seit 23 Jahren hier lebenden Inder, die den Winter noch immer für zu kalt halten, der zugewanderte Belge, der vor 18 Jahren hoch im Norden eine belgische Bäckerei eröffnet hatte oder Guy, der seinen Schwiegervater auf einer Fünf-Stunden-Fahrt ins Spezialkrankenhaus nach Québec bringt.

Die Immobilienmaklerin, die uns von ihrer Insel zur nächsten Tankstelle fährt, obwohl sie gar nicht weg wollte oder die Musikerin, die mit uns ihren Lieblingsplatz zum Campieren teilt. Allesamt sind so gastfreundlich, wir bekommen oft beim Aussteigen die Telefonnummer oder Visitenkarte zugesteckt – für den Fall, dass wir nicht wegkommen, wird uns ein Platz für die Nacht im eigenen Haus angeboten. Wir können uns wirklich nicht beschweren.

SEPAC

Wir sind das erste Mal so richtig in der Natur, wurde ja auch Zeit! Die Nationalparks in Québec heißen SEPAC, es gibt auch ZEC, die sind eher privat organisiert. Einziger Unterschied ist, dass man in den ZEC Bäume fällen darf. Und Fischen. Beides ist der eigentliche Grund für deren Existenz. 

Um in einem SEPAC Wandern zu gehen, bezahlt man eine Eintrittsgebühr für jeden Tag. Man sollte also vorher schon genau wissen, wie lange man wo für welche Strecke brauchen wird. Für uns spielt das gerade keine Rolle, da die Parks bzw. die Übernachtungsoptionen noch bis 1. Juni geschlossen sind. Ohne Ausnahme. Da gibt es herrlichste Campgrounds und Ready-To-Sleep-Zelte mit Kühlschrank, Geschirr, Kochstelle und einem Elektroheizer, der auf kalte Nächte mit fröstelnder Kundschaft wartet. Alles funktioniert, darf aber erst im Juni genutzt werden.

Auf vielen Websites steht, eine Tour in der kanadischen Natur sollte sehr gut vorbereitet sein. Verstehe. Doch das muss auch anders gehen. 

WANDERN

Mir war bisher nicht klar, dass eine 13 Kilometer kurze Wanderstrecke sechs Stunden Fußmarsch abverlangt. Es waren zwar stets maximal 250 Höhenmeter zu überwinden, dafür ging es immer rauf und runter, rauf und runter und von den 13 Kilometern wurde teilweise kein einziger Meter abgebaut.

Die Aussichten waren wunderschön und wir wurden mit viel Grün und Blau reichlich belohnt. Nun ja, Wanderzeiten wollen von uns in Zukunft anders ins Auge gefasst werden. 

Was mich wirklich beeindruckte war, dass kein Müll auf den Wanderwegen lag. Haben Katja und ich uns in den Bergen Nepals noch die Taschen mit Verpackungsmüll vollgestopft, war hier nichts zu sehen. Das gefällt. 

CAMPING

Trotz aller zeitlichen Verbote, haben wir natürlich trotzdem unser Zelt aufgeschlagen. Nun haben wir auch unsere erste Nacht im Wald verbracht, in der wir unser Essen vom Zelt entfernt gelagert haben, nur damit die Bären-Zelt-Beziehung von vornherein geklärt ist. Auf jeden Fall geht man mit einem spannenden Gefühl ins Bett! 

LAGERFEUER

In einem Land, das zu den waldreichsten Ländern der Erde zählt, ist es erwünscht, das Holz für ein Feuer zu kaufen. Papperlapapp, haben wir nicht gemacht. Der Campingplatzbesitzer hat Maiks Säge gesehen, gelacht und uns unser Ding machen lassen.

Und last but not least:

MENSCHEN

Die sind mit das Beste an unserer bisherigen Reise. Freunde und die Freunde von Freunden sind gastfreundlich und laden zu sich nach Hause ein, die Autofahrer beim Trampen sowieso. In den Herbergen treffen wir auf sympathische Weltenbürger, von denen die meisten aus Frankreich kommen. Das überrascht in Québec nicht wirklich und geht überraschender Weise nur den Franzosen selbst auf die Nerven 😉.

Dafür, dass die Nord-Québecer sagen, es gäbe in ihrer Heimat nur zwei Jahreszeiten, nämlich Winter und manchmal Herbst, haben wir eine Menge Spass und sind nahezu immer Draußen. Daniel sagt, die Leute müssen einfach wissen, wie man mit dem Winter spielt, nur so mache es hier Spaß und man könne super damit leben, sechs bis sieben Monate im Jahr Schnee zu haben. Das verstehen wir durchaus! 

Unsere weitere Reise

Mit J-P und seinen Freunden haben wir schöne Wanderungen im SEPAC gemacht. Abends wurde sich bei jemandem zu Hause oder im Chalet eingefunden und gemeinsam gekocht und ein Lagerfeuer gezündelt. Es wird zu Hause recht viel heimische Musik gehört und dazu gesungen und getanzt. Es war total schön zu sehen, wie die Menschen miteinander gesellig sind und bis tief in die Nacht gemeinsam essen.

Es war sehr schwierig für uns, uns von den Menschen in Baie-Saint-Paul und Staint-Hubert zu trennen, um den Norden weiter zu erkunden. Wir wollten das Fjord von Saguenay umrunden, teils per Auto, teils zu Fuß. Im strömenden Regen kamen wir abends mit einem Pärchen aus Montréal in Saguenay an. Wir haben vor lauter Wasser nichts gesehen und sie haben uns freundlicher Weise bis vor die Haustür unserer Unterkunft gefahren. Vom Auto bis zur Tür waren wir klatschnaß.

In Saguenay waren wir noch frohen Mutes und eine Teilumrundung des Fjordes für drei bis vier Tage erschien uns erstrebenswert. Aus dem Plan sind dann mit den Kanadiern, wie oben beschrieben, nur 13 Kilometer geworden… Diese allein haben sich schon für die unglaublichen Landschaften gelohnt!

Der nördlichste Punkt, den wir besucht haben, ist ein Campingplatz nahe Les Bergeronnes in der Region Côte-Nord. Da sagen sich nicht einmal Fuchs und Hase gute Nacht. Dafür soll es Wale geben. Natürlich stets davon abhängig, ob das Plankton gerade am Ufer rumschwimmt oder ob es sich wo anders gemütlich gemacht hat. Wir haben folglich den ganzen Tag das Plankton gerufen, wurden leider nicht erhört. Zusammengefasst waren wir an fünf Wale-Gugg-Orten und haben fünf Male leider keine gesehen. Nun ja, wir können anscheinend nicht alles haben und sind für dieses Spektakel einfach noch zu früh unterwegs.

Nachdem uns zwei Fahrer beim Trampen in den Norden von der Herberge in Tadoussac erzählt haben, mussten wir einfach dort reinschneien.

Außerdem steht die Herberge auf unserem Reiseplan von Émilie. Wir checken ein, bauen unser Zelt auf und erleben eine Herberge, wie sie ganz old school nur noch schwer zu finden ist. Im wahrsten Sinne des Wortes: schwer zu finden. Kein GoogleMaps-Eintrag und die Website ist noch aus den 90ern mit ganz viel Blink-Blink. Abends wird gemeinsam gespeist und geschnackt. Sehr gemütlich und eine wirkliche Empfehlung. 

Wir sind zurück aus dem Norden und bei Marie-Eve und Steve im Chateau de Cyr bei Saint-Marc-sur-Richelieu zu Besuch. Sie sind Imker, besser gesagt züchten sie Bienenköniginnen und der Honig ist leider Gottes ein Nebenprodukt.

Wir haben so viel über Bienen gelernt, ich kann mir gar nicht alles merken. Auch hielt ich freiwillig mehrmals meine Hand in einen Bienenstock und habe Wabenrahmen raus- und reingeschoben. Versucht mal eine Bienenkönigin unter 60.000 Bienen zu finden! Nun ja, ich habe sie meist nicht gefunden. 

Marie-Eve ist für drei bis vier Sommermonate von morgens bis abends mit 250 Bienenstöcken beschäftigt. Für mich ist es unglaublich interessant zu sehen, wie viel Arbeit das macht. Auf jeden Fall kann ich mir sehr gut vorstellen für eine ganze Saison wiederzukommen. Maik hat trotz der intensiven Beziehung zu den Bienen und dem Transport ihrer Häuser an neue Orte seine Liebe zum Honig nicht finden können.

Mit Honigseife bepackt, verabschieden wir uns von Québec und seinen lieben Menschen. Freunden und deren Leben nach 23 Jahren wiederzubegegnen, ist ein Geschenk und hinterlässt ein tiefes Gefühl der Freude, Freundschaft und Dankbarkeit.

Fun Fact

In den Erntemonaten reisen viele junge Québecer in den Westen Kanadas und arbeiten als Erntehelfer für durchaus niedrige Löhne. Dementsprechend werden sie von den Farmern positiv, von anderen Menschen teils negativ begrüßt. Untereinander grüßen sie sich als: Quebexicans.

  1. Petra und Jörg

    Ein toller und interessanter Abschnitt eurer Reise und die Fotos 😍 … LG

  2. HB

    Sehr schön und interessant, weiter so.

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