Kanada

VON MOSKITOS, BLACK FLIES & VON GASTFREUNDSCHAFT

Wasserkarte und Fuesse in einem Kanadier auf dem Joes Lake im Algonquin Park

Wir dürfen uns nicht beschweren, wir wurden schließlich gewarnt: Black Flies und Mücken erwarten uns im Juni. ‚Wird schon nicht so schlimm werden‘, das denken nur Leute wie wir, die es noch nicht erlebt haben. ‚Wenn ihr Campen geht, werdet ihr nur Lagerfeuer zünden, um viel Rauch zu erzeugen und euch genau da reinsetzen!‘, haben sie lachend geschildert. Sie sollten alle Recht behalten. 

Unsere Zeit in Québec neigt sich dem Ende. Immerhin verbrachten wir hier über einen Monat. Nun ist es Zeit weiterzuziehen und wir machen uns auf den Weg Richtung Ontario. Der Provincial Park Algonquin ist unsere nächste Etappe. Als grüner Zwischenstopp vor den Rocky Mountains, wollen wir auf einigen der über 2.400 Seen Paddeln. Zwischen uns und den Bergen liegen schließlich noch über 3.500 Kilometer. 

Städte haben wir erst einmal genug gesehen, aber wie mans dreht und wendet, Ottawa liegt direkt auf dem Weg. Wir entschließen uns also kurzfristig zu einem Tagsausflug. Man fährt schließlich nicht jeden Tag an einer Hauptstadt vorbei und wir wollen uns später nicht ärgern.

Ein Besuch in Ottawa lohnt Ende Mai bzw. Anfang Juni, denn dann war gerade eine Woche lang Tulpenfest. Die Menschenströme sind nun weg, die Tulpen aber noch da. Jedes Jahr. Seit 1945. Kanada hatte in den vorherigen drei Jahren, während der nationalsozialistischen Besetzung der Niederlande im Zweiten Weltkrieg, die zukünftige und schwangere Königin Juliana aufgenommen. Schwuppdiwupp hat die kanadische Regierung die Entbindungsstation des Ottawa Civic Hospitals vorübergehend als exterritoriales Gebiet erklärt, damit Prinzessin Margriet 1943 mit der Staatsbürgerschaft ihrer Mutter auf die niederländische Welt kommen konnte. Wie ausgefuchst! 

Für diese historische Heldentat beschenkt das niederländische Königshaus Ottawa jedes Jahr mit tausenden Tulpenzwiebeln und die Stadt hüllt sich, den Frühling einläutend, in bunte Farben. Wir waren nur ein paar Stunden in Ottawa, auf dem Parliament Hill und in Downtown. Insgesamt erscheint uns die Stadt sehr, sehr grün, auch vor und nach dem Blumenspektakel.

Wir besorgen für die anstehende Naturerfahrung im Algonquin Park ausreichend Proviant und begeben uns Richtung Transcanadian Highway. An der Auffahrt lassen wir vier Autos an uns vorbeiziehen, die uns nur einen kleinen Teil der Strecke hätten mitnehmen können. Wir werden also mutiger und nehmen nicht mehr jedes Trampangebot wahr. Dafür werden wir letztlich belohnt: Ken nimmt uns nach seinem Wocheneinkauf ein Stück seines Weges mit und läd uns während der Fahrt zu sich nach Hause ein.

Daheim begrüßt ihn seine Frau Irina mit den Worten: „You left with one kid this morning and now come back with two! Can we keep them?“ Wir installieren unser Zelt im paradiesischen Apfelgarten. Ein traumhafter Ort, bis auf die Mücken. Ken warnte uns noch und bot uns ein Zimmer im Haus an. „Ach nö, nö, draußen ist schon gut“, meinten wir. Während des Zeltaufbaus kam Irina mit zwei Moskitonetz-Oberteilen vorbei und rettete uns.

Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, dass diese Halbkörper-Überzieher in den darauffolgenden Tagen unsere besten Freunde werden. Ken und Irina verwöhnen uns einen ganzen Abend lang mit BBQ-Köstlichkeiten und am Morgen zaubern sie ein Gourmetfrühstück. Anschließend schenken sie uns den Moskitoschutz und fahren uns die 200 Kilometer bis zum Nationalpark! Überwältigt von der Gastfreundschaft Ontarios – zu Maiks Freude wird endlich wieder Englisch gesprochen –, hoffen wir, dass Ken und Irina auf einer zukünftigen Europareise bei uns vorbeischauen. 

Der Wetterbericht ist uns zunächst nicht wohlgesonnen und verspricht zwei Tage Regen. Demnach beschließen wir unsere Paddeltour zu verschieben und planen fürs Erste eine Dreitageswanderung, die es in sich haben sollte. Im ständigen Kampf gegen die Mücken erkunden wir im schönsten Niesel den kanadischen Urwald. Das Gute am Regen: je stärker, desto weniger Insekten! Denn die gibt es hier nicht nur zur Dämmerung, sondern den ganzen Tag. 

Wir waten Dank des Regens durch das Moor und werden am Abend mit schönsten freien Übernachtungsstellen belohnt. Diese so genannten Backpackingplätze bestehen aus einer ebenen Fläche und einer Lagerfeuerstelle und sind vom Gefühl her mit den Boofen in der Sächsischen Schweiz gut zu vergleichen, nur ohne Fels, dafür mit großen Seen. 

50 Kilometer und drei Tage später fängt der Sommer an. Die verdunstende Nässe der letzten Tage sorgt zunächst für tropische Gefühle, folglich begeben wir uns nun zügig auf den Wasserweg. Wir trocknen unsere Sachen am Kanuverleih und haben uns ein ausgiebiges Frühstück verdient.

Eine Vier-Tagetour soll es zu Wasser werden, landestypisch im Kanu. Wir planen eine kleine Runde, das haben wir vom Wandern gelernt. Wer weiss, wie sich das hier mit den Wasserwanderwegen verhält. Vielleicht liegen ja überall Baumstämme im Wasser und wir müssen die ganze Zeit das Kanu umtragen. 

So war es dann doch nicht, aber dafür gab es unzählige Umtragestellen, die fest auf der Wasserwanderkarte eingeplant sind. An fast jedem See wurde geschultert. Zwischen 200 Metern und 2,5 Kilometern gab es alle Weiten des Tragens im Angebot. Bootswagen kennen die Kanadier leider nicht. Zumindest ist es Tradition, sein Boot zu tragen. Unser Bootsverleih heißt ja auch Portage Store und nicht irgendwas mit Wasser oder Boot, nein TRAGEN kommt im Namen vor … das hätte uns im Vorfeld stutzig machen sollen. Das Bootumtragen ist zwar eine Frage des Gewichts – immerhin wiegt so ein Kanadier 35 Kilogramm – es sind jedoch wieder unsere Moskito-Freunde, die uns an Land auf Trapp halten.

Wir erledigen vom Zähneputzen und Wasserfiltern bis zum Frühstücken alles auf dem Wasser, unserem Zufluchtsort vor den stechenden und beißenden Insekten. Im Boot geht es uns super. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und die Natur zeigt sich von einer ihrer schönsten Seiten. Abends suchen wir eine gemütliche Campingstelle auf. Diese sind an allen Seen markiert und wer zuerst anlandet, hat die Stelle gewonnen. Dann baut einer von uns beiden das (Schutz-)Zelt auf und der andere macht Feuer bzw. erzeugt Rauch. Viel Rauch. So können wir auch bequem kochen. Zum Tagesabschluss sammeln wir alles im Essensack und suchen einen passenden Baum zum Aufhängen.

Essen wird hier weniger wegen der Bären an Bäume gehangen. Die größte Gefahr für Speis und Trank sind die unzähligen und an Menschen gewöhnten Streifen- und Erdhörnchen. Sie kommen an jeden noch so gut versteckten Beutel geflitzt oder kriechen in unsere Tassen hinein. Dann stellen sie sich entrüsted vor uns auf oder klauen ein Apfelstück, das gemessen an ihrer Körpergrösse, für mindestens drei Tage reichen sollte. Während man auf dem Naturklo thront, kann man Streifenhörnchen beobachten, wie sie sich gegenseitig jagen.

Bären und Elche begegnen uns keine. In der Dämmerung schwimmen einzig Biber in den Seen und scheinen tüchtig an ihren Bauten zu werkeln. Nun haben wir gelernt, dass wir Wasser aus großen Seen filtern sollen, da in den kleineren der Biber wohnt und das Wasser mit Bakterien verseucht, die man nicht abkochen kann. Wie groß ist denn jetzt ein kleiner bzw. ein großer See? Und wenn der Biber ’nur‘ durchschwimmt, wie hoch ist dann die Gefahr? Ihr seht, auch mit wichtigen Informationen bestückt, könnten wir noch mehr wissen. Es ist letztlich alles gut gegangen und wir haben keine gesundheitlichen Biber-Beeinträchtigungen erfahren.

Sobald die Dämmerung einbricht, leuchten die Sterne ganz intensiv am Himmel. Der große Wagen steht genau über uns! Wir hören den Kauz, den Koyoten und den Wolf, sie begleiten uns mir ihren Rufen in den Schlaf. 

Wir beenden unseren Wasserausflug bewusst an einem Sonntag, so dass wir fürs Trampen genug heimreisende Touristen auf dem Highway 60 Richtung Westen antreffen. Bisher ging zwar immer alles gut, jedoch ist der Highway 60 unter der Woche wie leer gefegt, so dass wir im schlimmsten Fall Stunden warten.

Der nächste Halt ist etwas weiter entfernt und wir reisen bis nach Sudbury. Von dort aus wollen wir in einer knappen Woche den Zug nach Alberta nehmen. Viele Gründe sprechen dafür: Es gibt ca. 3.000 Kilometer zu überwinden. Der Zug benötigt dafür 52 Stunden, wenn alles nach Plan verläuft. Normalerweise verspätet er sich jedoch um Stunden, selten sogar um Tage. Diese Entfernung erscheint uns in Anbetracht der verbleibenden Zeit deutlich zu weit zum Trampen. Viele Leute empfehlen zudem die Zugreise, weil man eben noch einmal Einblick in Teile Kanadas erhält, die sonst nur schwer, z. B. nur per Boot oder Flugzeug, zu erreichen sind.

Die kommenden Tage in Sudbury wollen wir also nutzen, um diese Reise zu planen. Wir mieten uns in eine Airbnb-Wohnung ein, nun ja, wir versuchen es. Kurz nach der Bezahlung erhalten wir eine Nachricht von unseren Hosts Amy und Patrick: Beide sind Couchsurfer und laden uns stattdessen zu sich nach Hause ein.

Wir gehen Patrick in den kommenden Tagen bei seiner Arbeit etwas zur Hand, verlegen Kabel und mähen den Rasen. Die restliche Woche sitten wir Hund Chini während die Familie einen Kurzurlaub in Toronto verbringt. Nahezu jeden Abend heizen wir die Sauna im Garten an. Vor allem letzteres ist längst überfällig. Leider gibt es in Kanada keine öffentlichen Saunen – zumindest konnten wir über die letzten Wochen keine finden. Desto schöner, dass wir jetzt in so guter Gesellschaft fast jeden Abend schwitzen können.

Wir erkunden Sudbury diese Tage per Fahrrad. Sudbury ist extrem grün und wie in der gesamten Region, findet man zahlreiche Seen und dichte Wälder. Das Gebiet ist zudem vom Bergbau geprägt. Gold, Silber, Kupfer, Kobalt und viele Metalle mehr werden hier seit über 100 Jahren gefördert. Wir erfahren, dass die gesamte Region ähnlich dem Erzgebirge in der Heimat, hunderte Kilometer lange unterirdische Tunnel besitzt.

Bis zum Ende der Woche haben wir bei Patrick und Amy Urlaub vom Urlaub gemacht. Nun steigen wir in unseren Zug Richtung Westen. Ein bisschen traurig sind wir schon, den Osten des Landes nun hinter uns zu lassen. Viele unglaublich sympathische Menschen haben wir hier getroffen und die letzte Woche in Sudbury steht sinnbildlich für die von uns bisher erlebte Gastfreundschaft der Kanadier.

Amys Eltern fahren uns zum Bahnhof. Dieser sucht definitiv seinesgleichen und könnte auch irgend einem Westernfilm entsprungen sein. Da in Kanada scheinbar kaum jemand Zug fährt, hat die Stadt Sudbury beschlossen, den Bahnhof im Zentrum ausschließlich für den Güterverkehr zu nutzen. Um zum Bahnhof für den Personenverkehr zu gelangen, fahren wir ca. 15 Kilometer raus aus der Stadt, den Weg sollte man jedoch kennen, denn ausgeschildert ist der Bahnhof nicht. Dort gibt es zwar ein Gebäude der Bahngesellschaft, allerdings ist es geschlossen. Draußen ist es heiß. Es stehen drei Kanadier am einzigen Gleis. Alle sind nicht sonderlich zuversichtlich, was die Pünktlichkeit des Zuges betrifft. Steve, ein neuer Freund, den wir auf der kommenden Zugfahrt besser kennen lernen sollen, hat schon einmal neun Stunden am Gleis gewartet. Es gibt weder Wasser, noch sonst irgend etwas und die nächste Zivilisation gibt es erst wieder in Sudbury.

Einmal mehr haben wir Glück. Unser Zug hat nur ungefähr eine Stunde Verspätung und so begeben wir uns auf die Reise in den Westen Kanadas. Nächster Halt: Edmonton, Alberta.

  1. Ines & Erik

    Vielen Dank das ihr uns an Eurer Reise teilhaben lasst.
    Eure informativen Geschichten zu den exklusiven Bildern, schreien förmlich nach der Lust auf Abenteuer und Freiheit.
    Wir freuen uns schon auf die Fortsetzung.

  2. Anonymous

    Hätte noch ewig weiterlesen können. Danke für die vielen Inspirationen. Grüße, Sandra

  3. Katja

    Ich hab gleich Lust bekommen, meinen Rucksack zu packen! Macht großen Spaß, euch zumindest lesend auf eurer Reise zu begleiten.
    Allerdings muss ich euch warnen: neuerdings gibt es die Black Flies auch in Deutschland. 😳

  4. Anonymous

    Wieder ein neuer Beitrag 😀 und wieder aufs neue spannend, informativ und beneidenswert schön!🏕 LG von eurem Top-Fan Nr.1 😉😎🤗

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