Kanada

TRANSCANADIAN ZUGFAHRT

Wenn es abends um elf noch hell ist, merkt man, dass man im Westen angekommen bist. Zwischen gerade eben und jetzt sind 50 Stunden vergangen. Noch am Sonntag hatten wir Respekt vor zwei Tagen Zugfahrt. In Edmonton angekommen, war es doch traurig die lustige Bande Mitreisender zu verabschieden. Es braucht eigentlich nicht viel, um eine schöne Zeit zu haben!

Nachdem wir uns ein Plätzchen im Sitzabteil gesucht und uns grob für zwei Tage eingerichtet haben, sind wir auf Erkundungstour in den drei für uns zur Verfügung stehenden Wagongs. Zwei Wagongs gibt es für Sitzend-Reisende, einen Wagon zum Essen, inklusive Panoramaglasdach in dem wir die meiste Zeit verbringen sollten.

Am Bahnsteig in Sudbury haben wir Steve kennengelernt. Er reist noch weiter als wir. In Vancouver wird er seinem Bruder helfen und an einer dreitägigen Hochzeitsfeier teilnehmen. Vor allem er hat uns die Zugfahrt mit seinen Lebensgeschichten bereichert und verkürzt. Wenn alles gut geht, werden wir ihn in Vancouver wiedersehen und vielleicht gemeinsam nach Vancouver Island fahren. 

Suzan von schräg gegenüber, die nur ein sehr kurzes Stück mitgefahren ist, hat uns sehr viel über die aktuelle Situation der First Nations in Manitoba berichtet. Dass es Schulen für indigene Kinder zur Umschulung in kanadische Mitbürger bis in die 1990er Jahre gab, war mir bis zu dieser Zugfahrt nicht bewusst. Genozid, Landklau, Enteignung und ähnliche Themen waren schon präsent, aber irgendwie klingen diese immer nach Vergangenheit. Wie kurz diese her ist, wusste ich nicht. Und wir haben überhaupt keine Ahnung von den Dingen, die heutzutage noch abgehen.

Clara hat auf ihrem Cello eine Stunde lang gezupft, gestrichen und geklimpert, während die tausenden unterschiedlichen Landschaften an uns vorbeirauschten. In Ontario sind wir mit bunten, dichten Wäldern und Seen gestartet. Allein den Lake Superior passiert man innerhalb von 15 Stunden. Nach der ersten Nacht wurde es in Manitoba flacher und wir lernten die Prärie kennen. 

Kennt ihr den: Wenn dein Hund von zu Hause in Manitoba wegrennt, kannst du ihn noch fünf Tage mit den Augen verfolgen. Ja, so flach sieht es aus und ändert sich durch ganz Saskatchewan nicht.

Vor Alberta wird es wieder etwas hügeliger. Wir sind im Auenland angekommen. Saftige Wiesen, blaue Seen, romantische Stimmungen und herrlichstes Wetter. Wir quatschen, lauschen dem Cello oder essen und fühlen uns trotz zweitägiger Zugfahrt auf dem Buckel wohl. 

Maik und ich hatten auch bessere Nächte als manch anderer Sitzplatzpassagier. Ausgestattet mit unseren Isomatten, haben wir uns nachts einfach im Zug hingelegt und durchgeschlafen. Akrobatische Bewegungen auf den Sitzen blieben uns erspart. Das Zugpersonal war sehr freundlich und hat uns einfach machen lassen.

In Winnipeg hatten wir eine Stunde Ausgang. Ein Menschenstrom machte sich vom Bahnhof Richtung Essenstempel The Forks oder zum Oodena Park auf und Suzan zeigte uns einen Teil ihrer Heimatstadt, ehe wir uns von ihr verabschiedeten.

Das war die einzige erholsame Pause. Sonst liebt die kanadische Bahn ihre Haltebahnhöfe eher ‚bei‘ Städten zu bauen, als ‚darin‘. Der Stop ‚bei‘ Saskatoon bedeutet, dass Zugreisende einer Stadt mit über 245.000 Einwohnern ähnlich wie die Menschen aus Sudbury über Mundpropaganda bzw. von einer Generation zur nächsten weitergeben, wo der Zug abfährt. Am Zughalt gibt es NICHTS. Nix, nur Hitze. Was macht man da eine Stunde lang?!?

Die Ironie der Zugpausen wurde für unsere Mitreisenden in Edmonton getoppt. Wir durften aussteigen, die anderen hatten einen dreistündigen Aufenthalt – im Nirgendwo! Edmonton ist die Hauptstadt von Alberta mit einer Million Einwohner und Zugreisende können sich die Stadt während ihres Reisestopps nicht anschauen, weil der Bahnhof am Rande der Stadt von riesigen Highways umrundet ist, die eine fußläufige Erkundung zu einem Abenteuer werden lassen.

In dieses Abenteuer haben sich Maik und ich dann gestürzt, um zu unserer Airbnb-Unterkunft zu kommen. Gleiches Problem hatten wir tagsdarauf erneut, als wir wiederum aus der Stadt raus wollten. Große Städte in Kanada sind irgendwie nicht für Fußgänger gemacht. Nur Highways für Autos, keine Fußwege, vielmehr sogar Verbote für Fußgänger an manchen Stellen. Wie sollen Gesellschaften die Nutzung von Autos reduzieren, wenn die gesamte Stadtarchitektur auf diese ausgelegt ist?

So schön das Wetter während der Zugfahrt war, so miserabel wurde es ab dem Folgetag. Am Morgen donnerte es so laut, dass wir davon aufwachten. Sofort setzte ein heftiger Regen ein, der während der drei folgenden Tage nicht aufhörte. Bis mittags schlichen wir in unserer Unterkunft hin und her, ehe wir uns doch im Dauerregen Richtung Jasper Nationalpark aufmachten.

An Regentagen ist es generell schwierig zu trampen und so wurde es später und kälter und so langsam kam in mir die Sorge auf, dass wir das Zelt in der Pampa aufbauen müssen. Das Zelt stört weniger, aber alles an uns war nass und unsere superduper Regenausrüstung hatte schon vor Stunden herzlich gelacht und gemeint, dass wir da schön allein durch müssten. 

Die Zeltvorstellung war so unbefriedigend, dass wir uns vor den Tante-Emma-Laden von dem 50 Seelen-Ort Fallis gestellt und zwei Damen angesprochen haben. Eine hatte zum Glück Mitleid mit uns und fuhr uns zehn Minuten zurück in den größeren Ort Wabamun, in dem es immerhin 664 Einwohner gibt. Dort buchten wir uns in ein Zimmer ein und hatten uns im nächsten Restaurant eine Poutine verdient – kanadische Spezialität, eigentlich eine Erfindung der Québecer, die sich in den letzten Wochen mehr und mehr zur Hassliebe entwickelte: Man nehme Pommes, garniere mit halumiartigem Käse und kippe Bratensoße drüber. Fertig. 

Der nächste Tag startete mit Dauerregen und Windböen, oder aber er hat nachts gar nicht aufgehört. Manchmal fallen einem Entscheidungen sehr leicht. So bin ich nach dem Frühstück und dem Sachen packen direkt in die Lobby spaziert und habe um einen Tag verlängert. Zum Hohn hat der Wassergott die Schleusen noch ein bissl weiter geöffnet und dann ging’s so richtig ab! Geh ich halt wieder in die Badewanne.

Die aktuelle Unwetterfront sorgt für Schnee in Jasper. Darüber hinaus dreht sie sich im Kreis und kommt zu uns zurück! Bei uns hörte der Regen am Nachmittag für ein paar Stunden auf, während er in Jasper munter durchhielt. Die Regenpause nutzten wir und haben uns Wabamun angeschaut.

Wabamun: 300 Kilometer östlich vor Jasper, ist die Stadt mit der höchsten Libellendiversität auf der ganzen Welt. 160 Arten versammeln sich an diesem Örtchen und dieses Wochenende werden sie mittels Festival befeiert.

Wir sind in den Wabamun Lake Provinzpark abgebogen. Großer Fehler! Monstermücken, weil ja gerade kein Regen auf uns herabfällt. Hört das denn nie auf? Doch! Noch eine Woche regnet es, dann beginnt hier die Trockenzeit. Ab nächster Woche riecht es den ganzen Sommer über nach Rauch, den es von den Waldbrände in British Colombia rüberdrückt. Es brennt jetzt auch schon fleißig in den Wäldern Albertas, man riecht es nur wegen des Regens nicht.

Das Wetter bessert sich und wir kommen schließlich weiter. Zu unserem Glück gabelt uns Oliver auf, der auf dem Heimweg nach Jasper ist und als Feuerwehrmann die letzten 18 Tage ununterbrochen mit den Waldbränden beschäftigt war. Einige Feuer sind so groß, dass nur der kommende Winter diese zu löschen vermag. Größtenteils geht es bei den Löscharbeiten eher ums Eindämmen. Letztes Jahr sind leider halbe Städte abgebrannt und tausende Menschen mussten nach Edmonton evakuiert werden. Oliver erklärt uns außerdem wie es im Nationalpark zugeht und was man wo und wann zu bezahlen hat. Oder eben auch nicht.

Zum ersten Mal sehen wir nun die Rocky Mountains aus der Ferne, mit zahlreichen schneebedeckten Gipfeln und riesigen Steilwänden. Je näher wir den Bergen kommen, desto mehr Tiere sehen wir und zahlreiche Elche kreuzen unseren Weg. In den kommenden Tagen in den Bergen um Jasper sollen wir noch diverse Begnungen haben und den einen oder anderen Bären zu Gesicht bekommen.

Viele Grüße nach Hause, Maik und Jana

  1. Petra & Jörg

    Ein Libellen-Festival! Was man alles feiern kann. 😀 Wir freuen uns auf die Bilder aus den Rocki’s 👍 LG 🤗

    • Maik

      Ja wir hängen etwas hinterher mit den Beiträgen aber haben bislang eine super Zeit in den Rockies. Bilder & co folgen hoffentlich bald.

  2. Andreas

    Und das es einen Ort gibt der wie mein Sohn heißt ist auch lustig.

    Alles Gute Andreas und eben JASPER

    • Maik

      Und ich dachte schon du hättest ihn nach der Stadt benannt 🙂 Jedenfalls sehr hübsch hier, vergleichbar mit Chamonix nur viel kleiner und gechillter. Lg zurück

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