Kanada

DER REGENWALD UND DAS KLETTERMEKKA KANADAS

Wir haben im Osten des Landes angefangen. Wir haben die Mitte schnell durchquert und sind in den Bergen des Westens hängen geblieben. Nun sind wir noch ein Stück weiter Richtung Westen gereist und haben den Pazifik an der Küste von Vancouver Island gesehen. Wir sind am Ende unserer Reise angekommen. So ein Pech aber auch.

Von Vancouver nur einen Katzensprung und ein paar U-Bahnstationen entfernt, liegt Tsawwassen, einer der Häfen, welcher das Festland mit Vancouver Island und vielen weiteren kleinen Inseln an deren Ostküste verbindet.

Erste Destination ist Saltspring Island in den Gulf Islands zwischen dem Festland und Vancouver Island. Schon auf der Fähre hat man das Gefühl, dass es von jetzt an – im Kontrast zum stressigen Stadtleben Vancouvers – gemütlicher zugehen wird. Die Leute sind sehr entspannt und die Einfahrt in die Inselgruppe landschaftlich spektakulär.

Die Fähre landet nahe der Stadt Ganges [sprich: genschies] an. Das Erste, das wir sehen, sind ausgeschilderte „Tramperplätze“. Offizielle Stellen, an denen sich Anhalter und Autofahrer eingeladen fühlen dürfen, zueinander zu finden.

Die Insel ist mit weitläufigen Farmen übersät und in deren Einfahrten finden sich immer wieder kleine Verkaufsstände mit Vertrauenskasse. So bekommen wir unterwegs stets frisches Obst und Gemüse und genießen manchmal sogar Kaffee und Kuchen.

Viele der älteren Inselbewohner sollen in den 70er Jahren als Hippies auf der Insel angekommen sein. Von der Insel heruntergeschafft haben sie es bis heute glücklicherweise nicht und die meisten führen ein Leben auf dem Biobauernhof.

An Samstagen findet in Ganges der Wochenmarkt statt. Er gleicht vielmehr einem Festival, als einem uns gewohnten Markt. Ganges gilt ein bisschen als Hauptstadt und Hauptumschlagspunkt, so dass die Leute der benachbarten und größtenteils winzigen Inseln einmal wöchentlich zusammenkommen, um ihre selbstgemachten oder geernteten Waren feilzubieten. Viele lokale Bands spielen während des Markttreibens und wir verbringen den ganzen Tag mit tanzenden Menschen.

Saltspring Island zählt mit ungefähr 30 x 15 Kilometern zu den größeren (natürlich abgesehen von Vancouver Island). Demnach lässt sich das Ganze super per Fahrrad erkunden und wir stoßen an abgelegenen Stränden auf die ersten Meeresbewohner.

Überall zwischen den Felsen tummeln sich Krebse und Seesterne. Sandstrände sind hier übrigens noch schwierig zu finden, da viele Steilküsten die Insel umgeben. Direkt hinter ihnen erstreckt sich zumeist ein majestätischer Wald. Riesige Bäume, behangen mit Moos und Flechten, soweit das Auge reicht. Wir sind im Regenwald angekommen und die Wanderungen in der Umgebung sind abenteuerlich und beeindruckend zugleich.

Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, dass dieses Naturspektakel eine Steigerung kennt. Denn ein paar Tage später durchqueren wir die Regenwälder der National Parks Vancouver Islands, an der Westküste zwischen den Städten Tofino und Ucluelet, wobei zumindest letztere eher einem beschaulichen Fischerdörfchen gleicht.

Die ältesten Bäume sind bis zu 1.000 Jahre alt und erreichen einen Durchmesser von fünf Metern. Ohne künstlich angelegte Wege, ist es unmöglich den Wald zu durchqueren; eine Übernachtung mit oder ohne Zelt demnach völlig ausgeschlossen.

Folglich bevorzugen wir Strände und Aussichtspunkte an der Küste, an denen wir nachts so viele Sterne wie niemals zuvor sehen und an denen wir im Minutentakt Sternschnuppen zählen können.

Je näher wir dem Pazifik an der Westküste kommen, desto artenreicher wird die Tierwelt. Während eines Zwischenstopps auf einer weiteren kleinen Insel namens Gabriola, entdecken wir die ersten Robben und Lachse. Per Seekajak erkunden wir die Küste und trotz des nicht allzu stürmischen Wetters, gehen wir mit viel Respekt an die Sache heran.

Die Paddelei in den Wellen ist anspruchsvoll und erquickend zugleich. Von einer Überquerung kurzer Abschnitte zur nächstgelegenen Insel ist definitiv abzuraten, insofern man nicht per Seekarte eventuelle Strömungen vorab genau studiert.

Die Küste um Gabriola ist atemberaubend und der vorherrschende Fels besteht aus Sandstein. Viele Höhlen und Felsformationen erinnern an das Elbsandsteingebirge und ich bekomme Lust, nach unserer Rückkehr in die Heimat, wieder mehr in den heimischen Gefilden unterwegs zu sein.

Über eine Woche ist mittlerweile vergangen und wir haben es immer noch nicht auf die Hauptinsel geschafft. Das soll sich ändern und wir begeben uns erneut aufs Boot. Und da wir es nicht erwarten können an die Westküste zu kommen, um ein paar ruhige Tage am Strand zu verbringen, ziehen wir gleich komplett bis nach Tofino durch.

Seit wir nach Kanada gekommen sind, wird uns dieser sagenumwobene Ort immer wieder empfohlen: goldene Sandstrände, eine bunte Unterwasserwelt, tausende kleine Inseln und perfekte Verhältnisse für die allermeisten Outdooraktivitäten.

Tofino ist zwar touristisch, aber weniger voll als erwartet. Es gibt nur ein paar Hotels und Herbergen. Diese haben es allerdings in sich und sind extrem exklusiv und teuer. Eine hypotetische Übernachtung im Hotel kostet zwischen 500 und 700 Dollar. Die Preise der offiziellen Campingplätze in der Umgebung sind gleichsam unerfreulich. Desto schöner für uns, dass wir bei unserer Ankunft in einen nur halb offizellen Campground hineinlaufen: Poole’s Land, ein alternativer Hippiezeltplatz, gegründet 1988 von Mr. Poole höchstpersönlich, der heute noch allabendlich am Lagerfeuer anzutreffen ist und sich über die Jahre von der lokalen Politik nicht hat kleinkriegen lassen.

Die Stimmung ist familiär, viele Reisende kommen zusammen und jeden Tag gibt es VoKü (Essen), Workshops usw. Vor ein paar Jahren wurde sogar eine Dokumentation über den Zeltplatz gedreht und das ganze Poole’s Land fühlt sich für uns weniger nach Camping, sondern mehr nach Festival und Wagenplatz an.

Wir nutzen die gute Lage und unternehmen Wanderungen und lange Strandspaziergänge, ebenso wie eine Whale Watching Tour. Leider haben wir kein Glück mit den Orcas und Grauwalen, die hier teilweise sogar von den Fähren aus zu sehen sind. Dafür sehen wir zahlreiche Buckelwale, sowie große Seelöwen, Seeotter und Mondfische, die flach unter der Wasseroberfläche treiben und eine Länge von über drei Metern erreichen können. Damit ist dieser Zeitgenosse einer der schwersten Knochenfische und wiegt ausgewachsen bis zu zwei Tonnen.

Welche weiteren Meeresbewohner um uns herum leben, erfahren wir ein paar Tage später im Aquarium im südlich gelegenen Ucluelet (kurz: Ukee). Dieses Aquarium ist etwas ganz Besonderes und die meisten MitarbeiterInnen sind BiologiestudentInnen. Die Wassertanks sind alle samt ans Meer angeschlossen und miteinander verbunden.

Zudem werden alle Lebewesen maximal für eine Saison im Aquqrium gehalten und im November wieder in den Ozean zurück gebracht. Die Gäste bekommen also nur heimische Lebewesen zu Gesicht und wir haben Glück, da genau am Tag unseres Besuches ein Oktopus im Ozean gefunden wurde, der für die kommenden vier Monate neuer Mitbewohner der Aquariumsgemeinschaft wird. Oktopusse verdoppeln alle vier Monate ihre Körpergröße, demnach wächst er schnell aus seiner Wohnung heraus und wird frühzeitig wieder in die Freiheit entlassen.

Alles in allem ist das Aquarium ein tolles Projekt, das in erster Linie zur Aufklärung und zu Forschungszwecken eingerichtet wurde und dem Naturschutz dient, anstatt die Lebewesen zooartig ihr Leben lang einzupferchen. Durch die an den Ozean gekoppelte Wasserversorgung entlässt das Aquarium zum Saisonende doppelt so viele Lebewesen ins Wasser, als es zu Beginn der Saison eingesammelt hat.

In Ukee und am nahegelegenen Kennedy Lake verbringen wir ein paar Tage. Der See ist für uns ein idealer Schlafplatz und wir treffen stets nette Leute, mit denen wir lange Nächte am Lagerfeuer teilen. Außerdem gibt es mit den umliegenden hohen Bergen Vancouver Islands ein gigantisches Panorama. Das Baden macht hier mehr Spaß als im Meer. Ohne Neoprenanzug ist es nicht ratsam längerfristig im Pazifik zu planschen. Dafür ist die Szenerie an den ewig langen Sandstränden der Westpazifikküste einmalig und wunderschön.

Auch lassen wir es uns nicht nehmen, einen Tag Surfen zu gehen. Für mich das erste Mal und an diesem ersten Tag gelingt mir das Aufstehen auf dem Bord zumindest hier und da. Neu gewonnene Freunde sind zudem Kitesurfer und können uns schlaue Tipps geben.

Eigentlich war ich dem Surfen vorher skeptisch gegenüber eingestellt, aber ich muss zugeben, dass es eine Menge Spaß macht. Man schluckt zwar anfangs eine Menge Salzwasser, doch das Spielen (oder zumindest der Versuch) mit den Wellen und Kräften ist äußerst beeindruckend.

Ukee ist ansonsten klein und beschaulich und man kann auf der südlichen Halbinsel ein paar Trails gehen, die stets an der Küste entlang führen. Die Westküste ist für mich persönlich einer der schönsten Orte, die wir in Kanada besucht haben. Nicht nur der Ozean macht diesen Ort zu etwas Besonderem. Auch die umliegenden Berge und Gletscher. Wir finden hier einfach alles, was unsere Herzen begehren.

Im Winter wird es selten richtig kalt, bis zu den schönsten Skibergen ist es aber immer nur eine Autostunde entfernt. Viele neue Freunde leben ganzjährig in ihren selbst ausgebauten Vans. Es gibt keinen TÜV o. ä. in Kanada, demnach kann jeder zusammenbasteln was er will. Das ist einerseits recht abenteuerlich, andererseits mit mehr Freiheit und Verantwortung für die Menschen verbunden und funktioniert gut. Generell bekommt man in diesem Teil British Columbias das Gefühl, dass alles erlaubt ist, solange man anderen nicht schadet. Ein Lebensgefühl, dass ich nach unserer Rückkehr nach Deutschland definitiv vermissen werde.

Es fällt uns sehr schwer, die Westküste zu verlassen. Damit es nicht zu schnell geht, beschließen wir die Fähre von Ukee nach Port Alberni zu nehmen, einem Boot, das sich gut mit einem großen Wassertaxi vergleichen lässt.

Die Westküste zeigt sich noch einmal von ihrer schönsten Seite und wir durchqueren eine kleine Inselgruppe namens Broken Islands. Stundenlang schippern wir danach durch ein sagenhaftes Fjord bis wir schließlich in Port Alberni, fast schon wieder an der Ostküste, ankommen.

Dort können wir unser Glück abermals nicht fassen, als uns Peter und Anette beim Trampen aufgabeln. Beide leben seit Jahrzehnten in der Gegend und betreiben die Beaufort Rainbow Farm mit zahlreichen Tieren und einem riesigen Garten, aus dem sie sich größtenteils selbstständig versorgen können. Zusätzlich handelt es sich um eine Workaway Farm, d. h. dass Leute für Kost und Logie auf der Farm mitarbeiten können.

Wir bleiben drei Tage, genießen das Farmleben und helfen ein bisschen mit. Aktuelles Projekt ist der Bau eines Wintergartens. Jeden Tag wird gemeinsam gegessen und gemütlich am Feuer sinniert.

Nur ein paar Kilometer entfernt, ist der Stamp River, der für seine Lachswanderungen bekannt ist und ganzjährigen Fischererfolg verspricht. Dieses Jahr wird wohl die größte Wanderung seit zwei Jahrzehnten erwartet und die Fischer sind bereits auf dem Ozean unterwegs. Leider erleben wir das Ereignis auf unserer Reise nicht mehr mit, wenn die Lachse Anfang September an ihre Laichplätze zurückkehren. Nur ein paar von ihnen zeigen sich jetzt schon, wenn man lange genug am Flussufer sitzt und wir bekommen die Gelegenheit bei der ein oder anderen Wanderung sowie im Urwald, immer dem Fluss folgend.

Unsere letzte Etappe vor der Heimreise steht bevor und wir nehmen die Fähre von Nanaimo zurück auf das Festland, in die Horseshoe Bay. Von dort, nur ein paar Kilometer nördlich, liegt Squamish, eines der größten Kletter- und Bergsportgebiete der Welt. Squamish ist eine kleine gemütliche Stadt und das umliegende Gebirge ein absolutes Klettermekka. Für alle Disziplinen des Klettersports sind die Möglichkeiten unermesslich.

Zufällig schneien wir in das Kletterfestival Squamishs rein und unsere letzten Tage in Kanada begehen wir bouldern und tanzend. Vorträge von Ines Papert und Lynn Hill vertiefen das Gefühl ganz nahe am Meltingpott des Bergsportes angekommen zu sein.

Wir leihen uns Boulderschuhe aus und versuchen uns selbst ein bisschen, unter der Hauptwand des „Chiefs“, einem der größten Granitmonolithen der Welt, welcher neben dem Mount Geribaldi und einem riesigen Gletscher über Squamish thront. Eine gigantische Anzahl an Kletterrouten ist hier zu finden. Das meiste davon extrem schwer, in bombenfestem, weißen Granit, der sich hunderte Meter über uns erhebt.

Das nächste Mal, wenn wir (hoffentlich) nach Kanada reisen, ist es sehr wahrscheinlich, dass wir direkt nach Squamish kommen. Dann aber mit sämtlichem Kletterzeug, das wir finden können. Die Lage der Stadt direkt am Meer und innerhalb eines Fjordes ist einfach nur gigantisch. Für mich persönlich ist die Region Squamish, und von dort aus westlich Richtung Vancouver Island, eine der schönsten, die wir in Kanada gesehen haben. Nicht zuletzt liegt das natürlich am relaxten Flair der Stadt, mit einer großen Kletterercommunity, die sich für uns sehr heimisch anfühlt. Und so fliegen wir in den kommenden Tagen zwar etwas traurig, wegen unserer zu Ende gegangenen Reise, nach Hause, aber andererseits auch voller Vorfreude auf das Klettern, dem wir den restlichen verbleibenden Sommer gern nachgehen wollen.

Besonders in der zweiten Hälfte unserer Reise wurden wir immer mal wieder gefragt, was wir als Besonderes von diesem Trip mit nach Hause brächten. Wir meinen, es ist der Gewinn ins Vertrauen an die Menschlichkeit und Gastfreundschaft, welche in Kanada keine Steigerung mehr zu kennen scheint. Viele atemberaubende Plätze wären von uns ungesehen geblieben, herzliche Momente nicht gemeinsam verbracht. Ohne diese beeindruckenden Menschen, wäre unsere Reise nicht die unsrige geworden. Und hoffentlich können wir dieses Gefühl in Zukunft in uns aufrechterhalten und mit uns nach Hause bringen.

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